Warum dein Selbstwert keine feste Größe ist und du mehr Einfluss auf ihn hast, als du denkst.

Vielleicht kennst du die Situation: Du bist auf eine Party eingeladen und triffst Menschen, die du lange nicht gesehen hast. Jede/jeder erzählt, was aus ihm/ihr geworden ist. Es geht um den Beruf, Familie, den nächsten Urlaub, Partnerschaften und worüber man sonst noch so spricht. Bei allen läuft es super, nur bei dir gerade nicht, denkst du. Am liebsten würdest du verschwinden, ohne dass es jemand merkt. Es soll dir keiner ansehen, wie du dich fühlst.

DREI STIMMEN

Was du nicht merkst: In deinem Kopf findet ein Dialog statt. Dein Bin-Ich vergleicht sich mit den anderen, dein Soll-Ich sagt dir: „Ich hab’s dir ja gesagt!“, und dein Wunsch-Ich hängt verträumt in den Wolken und stellt sich vor, wie du sein könntest. Je größer die Diskrepanz ist zwischen dem, wie wir uns sehen, dem, wie wir glauben, dass wir sein müssen, und dem, wie wir gerne wären, desto schlechter fühlen wir uns.

Wir vergleichen uns, und wenn dieser Vergleich negativ ausfällt, dann schießen die Gefühle wie Revolverhelden: Scham, Angst, Trauer, Wut steigen in uns auf. Und wieso das Ganze? Weil unser Selbstwert – der Wert, den wir uns selber zuschreiben – eine zentrale Größe unserer Persönlichkeit ist.

Unser Selbstwert hängt eng damit zusammen, wie wir uns fühlen, ob wir gesund bleiben, ob wir stabile Partnerschaften führen können und ob wir das umsetzen, was wir uns vornehmen. Wie wir uns und die Welt wahrnehmen, all das beginnt mit unserem Selbstwert.

Und weil dieses Thema so wichtig ist, möchte ich dir gerne näherbringen, was der Selbstwert ist, warum er so wichtig ist und wie wir es schaffen können, ihn positiv zu stimulieren. Damit du dich am Ende des Tages besser fühlst, weil du weißt, wer du bist, was du kannst und dass du eine liebenswerte Person bist.

Zunächst möchte ich noch einmal auf die drei Stimmen in deinem Kopf zu sprechen kommen. Ich möchte dir dafür ein Modell vorstellen. Modelle helfen uns dabei, uns selbst und die Welt um uns herum besser zu verstehen.

WAS IST SELBSTWERT EIGENTLICH?

Lass uns kurz die Begriffe ordnen. SELBSTWERT ist der Wert, den wir uns zuschreiben, SELBSTWERTGEFÜHL ist die emotionale Reaktion darauf – die Freude, der Stolz, aber eben auch die Scham oder der Zweifel, die entstehen, wenn du auf dich schaust –, und SELBSTWIRKSAMKEIT ist das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Wichtig zu wissen: Selbstwert ist keine feste Eigenschaft, die du entweder hast oder nicht hast. Er ist veränderbar. Und das wird deutlich, wenn wir uns seine Bestandteile näher anschauen.

DREI BILDER VON DIR

Der Sozialpsychologe Edward Higgins hat dafür ein Modell entwickelt, das sogenannte Selbstdiskrepanz-Modell. Es unterscheidet drei Selbstbilder, die wir alle in uns tragen.

Das Bin-Ich ist deine Bestandsaufnahme: Wie siehst du dich (subjektiv!!!)? Was magst du an dir, was stört dich? Was, glaubst du, mögen andere an dir – und was nicht? Bei vielen Menschen ist dieses Bild überraschend einseitig. Wer mit seinem Selbstwert hadert, hat oft den Zugang zu den positiven Seiten des eigenen Bin-Ichs verloren und sieht fast nur noch, was nicht passt.

Das Soll-Ich ist die Stimme der Ansprüche: Wie glaubst du, sein zu müssen, um wertvoll zu sein? Diese Maßstäbe stammen selten von dir allein. Viele davon hast du irgendwann übernommen – von Eltern, von der Schule, von einer Arbeitswelt, die Leistung mit Wert gleichsetzt. Die Frage, die sich lohnt: Welche dieser Regeln willst du eigentlich noch gelten lassen?

Das Wunsch-Ich schließlich ist die leiseste der drei Stimmen: Wie wärst du, wenn du keine äußeren Bedingungen erfüllen müsstest? Wenn niemand mehr mitredet? Viele Menschen haben zu diesem Bild kaum noch Zugang – es muss oft erst wieder freigelegt werden.

WARUM DIE LÜCKE ZWISCHEN DEN DREI ICHS SO WEHTUT

Selbstwertprobleme entstehen selten, weil eines dieser drei Bilder grundsätzlich „falsch“ ist. Sie entstehen durch die Lücke dazwischen. Je größer der Abstand zwischen dem, wie du dich siehst (Bin-Ich), und dem, wie du glaubst sein zu müssen (Soll-Ich), desto mehr Druck, Scham oder Angst entsteht. Und je weiter das Wunsch-Ich entfernt liegt, desto größer die stille Sehnsucht danach, endlich so leben zu dürfen, wie es sich richtig anfühlt. Ist die Distanz zu deinem Wunsch-Ich sehr groß, kann Traurigkeit aufkommen.

Ich höre immer wieder AUCH von „erfolgreichen“, „sozial eingebundenen“ Menschen, dass sie trotzdem das Gefühl haben, nie ganz zu genügen.

Was heißt das?

Das heißt, dass es meistens nicht an fehlenden Fähigkeiten liegt, sondern an einem Soll-Ich, das uns das Leben schwer macht.

WIE KOMMEN WIR DA RAUS?

In den kommenden Artikeln dieser Serie schauen wir genauer hin: Wir nehmen Soll-Ich, Bin-Ich und Wunsch-Ich genauer unter die Lupe. Wir schauen uns an, welche drei Grundbedürfnisse hinter deinem Selbstwert stehen und warum es uns so schwer fällt, uns positiv zu bewerten. Wir schaffen aber nicht nur Klarheit, sondern wir sammeln konkrete Werkzeuge, mit denen du aktiv an einem stabileren, realistischeren Selbstbild arbeiten kannst.

Lass uns zunächst aber mal mit unseren drei Selbstbildern anfangen. Wenn du Lust hast, mach mal drei Selfies von dir. Fotografiere dein Bin-Ich, dein Soll-Ich und dein Wunsch-Ich.

Ich nehme an, dass sie sich schon rein optisch voneinander unterscheiden. Das ist auch interessant, oder?

ÜBUNG – SELBSTWAHRNEHMUNG

Nimm dir fünf Minuten und ein Blatt Papier. Beantworte drei kurze Fragen:

  1. Bin-Ich: Was bist du für eine Person, was macht dich aus? Welche Eigenschaften, Fähigkeiten hast du? Wie ist dein Eindruck von dir?
  2. Soll-Ich: Wie solltest du sein? Welche Stimmen hörst du? Was sagen sie dir?
  3. Wunsch-Ich: Wenn du dir alles wünschen könntest, wie wärst du?

Lass es fließen. Es geht nur darum, deine drei Stimmen bewusst wahrzunehmen.

Wenn du beim Beantworten der drei Fragen gemerkt hast, dass eine der Stimmen deutlich lauter ist als die anderen – dann ist das oft schon ein guter Ausgangspunkt für ein Coaching-Gespräch. Genau solche Momente, in denen sich zwei innere Bilder nicht mehr vertragen, sind häufig der eigentliche Anfang einer Veränderung.

Wenn du magst, schreib mir gerne eine Mail oder buch dir ein kostenloses Erstgespräch.

Viele Grüße

Marcus